Rehabilitationsbezogene Qualitätskonzepte von Patienten, Ärzten und Sozialdienstmitarbeitern
Romppel, M. & Grande, G.
Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Universität Bielefeld
Hintergrund und Zielsetzung
Versorgungsbezogene Qualitätskonzepte können implizit oder explizit eine wichtige Rolle bei der Auswahl und Inanspruchnahme medizinischer bzw. rehabilitativer Leistungen spielen. Sie beeinflussen die Bewertung von Versorgungsangeboten, die Bildung von Präferenzen im Hinblick auf entscheidungsrelevante Qualitätsmerkmale und darüber auch die Entscheidung über Zuweisung zu oder Inanspruchnahme von spezifischen Versorgungsleistungen (vgl. z. B. Brennan & Strombom, 1998; Cleary & Edgman-Levitan, 1997; Laine et al., 1996). Bisher ist jedoch so gut wie nichts darüber bekannt, wie die Akteure, deren Entscheidungen im Vorfeld einer Rehabilitation über die bedarfsgerechte Inanspruchnahme, Gestaltung und den Erfolg der Leistungen mitbestimmen, Qualität in der Rehabilitation definieren und welche Informationsbedürfnisse daraus erwachsen (vgl. z. B. Thomeit, 1999; Vogel, Faller, Zimmermann & Holderfried, 1997). Wichtige Akteursgruppen sind in diesem Kontext Patienten, Akutmediziner, Sozialdienstmitarbeiter und Kostenträger und es muss vermutet werden, dass deren rehabilitationsbezogene Qualitätskonzepte divergieren. Untersuchungen zum Qualitätsverständnis verschiedener Akteursgruppen liegen bisher allerdings fast ausschließlich für die akutmedizinische Versorgung in den USA vor (z.B. Laine et al., 1996) und sind nur sehr bedingt auf den deutschen Reha-Sektor übertragbar.
Ziel der hier berichteten Studie ist die Erfassung der rehabilitationsbezogenen Qualitätskonzepte von Patienten, Akutklinikern, niedergelassenen Ärzten und Mitarbeitern des Sozialdienstes sowie die Analyse der zwischen ihnen bestehenden Gemeinsamkeiten und Unterschiede.
Methode
In einem Forschungsprojekt des Nordrhein-Westfälischen Forschungsverbunds Rehabilitationswissenschaften wurden am Beispiel von zwei quantitativ bedeutsamen Indikationsgruppen – koronare Herzerkrankungen (ICD 410-414) und Dorsopathien (ICD 720-724) – Qualitätskonzepte analysiert und rekonstruiert. Mit Hilfe leitfadengestützter Interviews wurden Sozialdienstmitarbeiter und Ärzte in Akutkliniken sowie niedergelassene Ärzte befragt. Für die Befragung von potentiellen Rehabilitanden (Patienten in der Akutversorgung) und aktuellen Rehabilitanden kam die Fokusgruppen-Methode zum Einsatz.
Folgende Leitfragen sollten beantwortet werden:
Insgesamt wurden 26 Interviews und 12 Fokusgruppen mit durchschnittlich 8 Teilnehmern durchgeführt. Die Interviews und Fokusgruppen wurden transkribiert und mit Hilfe eines standardisierten Kategoriensystems inhaltsanalytisch ausgewertet.
Ergebnisse
Rehabilitationsbezogene Qualitätskonzepte der drei Akteursgruppen unterschieden sich deutlich und waren von berufsgruppenspezifischen Aufgaben und Handlungsmodellen bzw. bei den Patienten von deren rehabezogenen Motiven und Erwartungen bestimmt. Qualitätskonzepte der Patienten waren bzgl. ihrer Differenziertheit, aber auch ihrer Inhalte deutlich geprägt vom Vorhandensein und der Art aktueller oder früherer Rehaerfahrungen. In den Qualitätskonzepten zur kardiologischen vs. orthopädischen Rehabilitation spiegelten sich darüber hinaus die jeweiligen Krankheits- und Risikofaktorenmodelle wider. In der Qualitätsbewertung und insbesondere für Auswahlentscheidungen zwischen verschiedenen Rehabilitationseinrichtungen und -angeboten würden die untersuchten Akteursgruppen sehr unterschiedliche Indikatoren berücksichtigen.
Diskussion und Ausblick
Die Ergebnisse verweisen darauf, dass Qualitätskonzepte und damit auch Qualitätserwartungen unterschiedlicher Akteure weit voneinander abweichen. Die Berücksichtigung aller Qualitätsperspektiven bei Entscheidungen über die Zuweisung bzw. Inanspruchnahme rehabilitativer Leistungen könnte zu verbesserten Kommunikationsprozessen und möglicherweise zu einer bedarfsgerechteren Versorgung und damit zu besseren Erfolgen führen. Die Ergebnisse können als empirische Grundlage für eine nutzerorientierte Qualitätsberichterstattung in der Rehabilitation dienen.
Literatur
Brennan, P. F. & Strombom, I. (1998). Improving health care by understanding patient preferences. Journal of the American Medical Informatics Association, 5(3), 257-262.
Cleary, P. D. & Edgman-Levitan, S. (1997). Health care quality. Incorporating consumer perspectives. Journal of the American Medical Association, 278(19), 1608-1612.
Laine, C., Davidoff, F., Lewis, C. E., Nelson, E. C., Nelson, E., Kessler, R. C. & Delbanco, T. L. (1996). Important elements of outpatient care: A comparison of patients' and physicians' opinions. Annals of Internal Medicine, 125(8), 640-645.
Thomeit, W. (1999). Informationsstand und Einstellungen zur Rehabilitation in der Bevölkerung. Rehabilitation, 38(Suppl. 2), S116-S121.
Vogel, H., Faller, H., Zimmermann, R. & Holderfried, A. (1997). Ärztliche Einstellungen zu Anschlußheilbehandlungen bei Herzinfarktpatienten. Prävention und Rehabilitation, 9(4), 139-146.
Schlüsselwörter:
kardiologische Rehabilitation, orthopädische Rehabilitation, Qualitätskonzepte, Nutzerorientierung, Einstellungen
cardiac rehabilitation, orthopedic rehabilitation, quality perceptions, consumer perspective, attitudes
Korrespondenzadresse:
Dipl.-Psych. Matthias Romppel
Universität Bielefeld
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