Qualitätsberichterstattung in der Rehabilitation

Was die Akteure wissen und zu wissen wünschten.

Gesine Grande (1), Matthias Romppel (2)

(1) Fachbereich Sozialwesen, HTWK Leipzig (FH), (2) Fak. für Gesundheitswissenschaften, Universität Bielefeld

 

Hintergrund: Die Qualitätsberichterstattung wird als ein wesentliches Element der Qualitätssicherung im Gesundheitswesen allgemein und in der Rehabilitation (VDR, 2000) angesehen. Es wird angenommen, daß die Veröffentlichung von Qualitätsberichten die Transparenz der Gesundheitsversorgung vergrößert, auf der Basis qualitätsbewußter informierter Entscheidungen Einfluß auf Patientenströme nimmt, eine stärkere Partizipation der Patienten im Versorgungsprozeß gestattet und damit zu einer Verbesserung der Versorgungsqualität führt (z.B. Brennan & Strombom, 1998; Badura, 1999). Qualitätsbewußte Entscheidungen zu Überweisung und Inanspruchnahme von Rehabilitationsangeboten können nur erwartet werden, wenn die "entscheidenden" Akteure Zugang zu den aus ihrer Sicht relevanten und notwendigen Informationen haben. Die öffentliche Qualitätsberichterstattung in der Rehabilitation ist jedoch, anders als in der Akutmedizin, international bisher kaum entwickelt. Untersucht wurde deshalb, welche Informationen Ärzte, Sozialdienst und Patienten in Deutschland für rehabilitationsbezogene Entscheidungen im Vorfeld der Rehabilitation zur Verfügung haben und tatsächlich nutzen, und welcher Informationsbedarf besteht.

Methoden: In der ersten Phase eines umfangreicheren Projektes zur Qualitätsberichterstattung in der kardiologischen und orthopädischen Rehabilitation wurden mittels Experteninterviews und Fokusgruppen qualitative Daten zu Qualitätskonzepten, rehabilitationsbezogenen Entscheidungen, der Nutzung von Informationsquellen sowie dem Informationsbedarf von verschiedenen Akteursgruppen, die als potentielle Nutzer von Qualitätsberichten im Vorfeld der Rehabilitation angesehen werden, erhoben. Befragt wurden insgesamt 20 Ärzte, 8 Sozialdienstmitarbeiter, 34 Patienten im Akutbereich und 60 in der Rehabilitation. Interviews und Fokusgruppen wurden auf Tonband protokolliert, vollständig transkribiert und qualitativ (nach Mayring) ausgewertet.

Ergebnisse: Von Ärzten und Sozialdienstmitarbeitern werden vor allem unsystematische Informationen von Kollegen und Rückmeldungen von Patienten genutzt, um die Qualität einer Rehabilitationseinrichtung zu beurteilen. Aus diesen Informationsquellen resultieren globale und unspezifische Qualitätsmerkmale (Ruf einer Klinik, Atmosphäre, Patientenzufriedenheit). Formale Informationsquellen sind nicht öffentlich zugänglich (Qualitätsberichte des VDR), nicht bekannt oder/und werden, insbesondere von den Ärzten, nicht genutzt (Klinikverzeichnisse, Hausprospekte). Von den befragten Patienten hatten die meisten keinerlei Informationen über die Qualität existierender Rehabilitationsangebote. Eine Minderheit hatte die Internetseiten der Rehabilitationskliniken als Informationsquelle genutzt oder würde es im Bedarfsfall tun. Am häufigsten wurden von den Patienten Familienmitglieder, Bekannte oder Mitpatienten als Informationsquellen genannt. Diese Informationen bezogen sich in der Regel auf unspezifische Globalurteile ("da soll es schön sein"), auf das Verhalten von Ärzten und Personal oder die Strukturqualität. Umfassendere, vergleichende Informationen zur Qualität von Rehabilitationseinrichtungen wurden vielfach gewünscht, allerdings auch die Restriktionen problematisiert, die sich für qualitätsbewußte Auswahlentscheidungen durch Zeitmangel einerseits und geringe Entscheidungsspielräume andererseits ergeben.

Informationsbedürfnisse korrespondierten auch mit den Qualitätskonzepten der Akteure. Deutliche Unterschiede fanden sich zwischen Ärzten und Patienten in der Einschätzung der Bedeutung von Versorgungsmerkmalen in den Bereichen "technische Ausstattung", "Ergebnisse", "Kooperation und Kommunikation des Personals" und "Organisation" für die Qualität der Rehabilitation. Ärzte hielten Informationen zur technischen Ausstattung und zu den Ergebnissen für wichtiger als die Patienten. Patienten wünschten dagegen häufiger und konkreter Informationen über kommunikative Kompetenzen und Interaktionsverhalten des Personals.

Schlußfolgerungen: Eine systematische, vergleichende Qualitätsbewertung von Rehabilitationsangeboten ist zur Zeit im Vorfeld der Rehabilitation nicht verfügbar. Entscheidungen über die Teilnahme an einer Rehabilitation oder die Auswahl einer konkreten Einrichtung beruhen auf informellen und eher zufälligen Eindrucksurteilen oder auf anderen als qualitätsbezogenen Kriterien. Es ist zu vermuten, dass die erwünschten Effekte einer öffentlichen Qualitätsberichterstattung auf Patientenströme, Patientenpartizipation und darüber auf die Verbesserung der Qualität zur Zeit nicht eingelöst werden können. Die Veröffentlichung nutzerorientierter Qualitätsberichte könnte zu Verbesserungen im Sinne einer patientenorientierteren Rehabilitation führen.

Key words: Partizipation, Qualitätsberichterstattung, Informationsbedarf, Nutzerperspektiven, Qualitätskonzepte

Literatur:

Badura, B. (1999). Evaluation und Qualitätsberichterstattung im Gesundheitswesen – Was soll bewertet werden und mit welchen Maßstäben. In B. Badura & J. Siegrist (Hrsg.), Evaluation im Gesundheitswesen (S. 15–42). Weinheim: Juventa.

Brennan, P. F. & Strombom, I. (1998). Improving health care by understanding patient preferences. Journal of the American Medical Informatics Association, 5(3), 257–262.

VDR (2000). Das Qualitätssicherungsprogramm der gesetzlichen Rentenversicherung in der medizinischen Rehabilitation. Instrumente und Verfahren (DRV-Schriften, 18). Bad Homburg: VDR.

 

 

Korrespondenzadresse:

Prof. Dr. Gesine Grande

Fachbereich Sozialwesen

der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig

PF 301166

04251 Leipzig

Tel.: 0341-30764401

Email: grande@sozwes.htwk-leipzig.de