Qualität liegt im Auge des Betrachters
Grande, G. (1) & Romppel, M. (2)
(1) Fachbereich Sozialwesen, Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig
(2) Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Universität Bielefeld
Bisher vorliegende Befunde zum Qualitätsverständnis verschiedener Akteursgruppen, die vorwiegend aus den USA stammen und sich überwiegend auf die akutmedizinische Versorgung beziehen, spiegeln deutliche Abweichungen zwischen den verschiedenen Sichtweisen wider. So beziehen sich unter anderem Patientenurteile zur Qualität medizinischer Versorgung eher auf den Behandlungsprozess und die Interaktion, während in der ärztlichen Sichtweise häufig biomedizinische Wirksamkeitsindikatoren und technische Aspekte der Leistungen dominieren. Es wird angenommen, dass versorgungsbezogene Qualitätskonzepte Einflüsse auf die Bewertung von Versorgungsangeboten, die Bildung von Präferenzen im Hinblick auf entscheidungsrelevante Qualitätsmerkmale und darüber auch die Entscheidung über Zuweisung zu oder Inanspruchnahme von spezifischen Versorgungsleistungen aufweisen. Weiterhin können Auswirkungen auf die Kommunikation zwischen den Akteursgruppen sowie den Erfolg der Leistungen vermutet werden. Im Vorfeld einer Rehabilitation sind neben den Kostenträgern Patienten, Akutmediziner und Sozialdienstmitarbeiter wichtige Akteursgruppen, deren Entscheidungen über die bedarfsgerechte Inanspruchnahme, Gestaltung und den Erfolg der Leistungen mitbestimmen.
In Experteninterviews und Fokusgruppen wurden rehabilitationsbezogene Qualitätskonzepte dieser Akteursgruppen erfasst, um unter anderem die Vermutung divergierender Qualitätskonzepte zu überprüfen.
Es zeigt sich, dass deutliche Unterschiede vorhanden sind, die auf berufsgruppenspezifische Aufgaben und Handlungsmodelle bzw. bei den Patienten auf deren rehabezogene Motive und Erwartungen zurückgeführt werden können. Für die Qualitätskonzepte der Patienten spielen aktuelle oder frühere Rehaerfahrungen eine bedeutsame Rolle. Die ebenfalls gefundenen Unterschiede zwischen Indikationsbereichen lassen sich durch die jeweiligen Krankheits- und Risikofaktorenmodelle erklären.
Diskutiert werden soll, in welcher Form die unterschiedlichen Qualitätsperspektiven Berücksichtigung finden sollten und welche Folgerungen für Forschung und Praxis sich daraus ergeben.