Geschlechtsunterschiede: Hintergrund und Studiendesign

Geschlechtsspezifische Unterschiede in der kardiologischen Rehabilitation – Eine Analyse von Ungleichheiten in der rehabilitativen Versorgung von Männern und Frauen, sowie deren Determinanten und Folgen

Geschlechtsspezifische Unterschiede in der diagnostischen und therapeutischen Versorgung kardiovaskulärer Erkrankungen werden in den letzten Jahren zunehmend problematisiert. Neben Unterschieden in der Risikofaktorenbelastung, der Symptomatik, dem Krankheitsverlauf sowie altersabhängig unterschiedlicher Inzidenzraten werden in internationalen wie deutschsprachigen Studien geschlechtsspezifische Unterschiede sowohl in der Akutversorgung als auch der rehabilitativen Versorgung berichtet. Immer deutlicher wird dabei auf die medizinisch nicht begründbare geringere Inanspruchnahme kardiologischer Rehabilitationsmaßnahmen durch weibliche im Vergleich zu männlichen Patienten hingewiesen. Bisher herrscht ein Mangel an wissenschaftlichen Studien zu den Determinanten und Konsequenzen einer solchen ungleichen rehabilitativen Versorgung.

Unter Rückgriff auf allgemeinere Forschungsansätze zum geschlechtsspezifischen Gesundheitsverhalten und auf empirische Forschung zum ärztlichen Entscheidungs- und Urteilsverhalten ist dabei zunächst der Frage nachzugehen, welche objektiven (z. B. Alter, Geschlecht) und subjektiven (z. B. Krankheitskonzepte, Erwartungen, Befürchtungen) Merkmale seitens der Patienten zu unterschiedlichem Entscheidungsverhalten und in der Folge zu unterschiedlichem Gesundheitsverhalten führen. Zu klären ist auch, welche Rolle ärztliche Entscheidungen und Urteile (Indikationsstellungen, Empfehlungen, Motivierung) oder die soziale Umwelt (soziale Normen, Alltagsstrukturen) dabei spielen. Weiterhin ist zu fragen, ob geschlechtsspezifische Unterschiede im kurz- und mittelfristigen Erfolg der Rehabilitation sowie in der Zufriedenheit und Compliance bestehen, d. h. ob sich eine unterschiedliche Versorgung in einem unterschiedlichen Rehabilitationsverlauf widerspiegelt.

In einer prospektiven sozialepidemiologischen Longitudinalstudie werden über drei Meßzeitpunkte (Akutkrankenhaus nach kardialem Ereignis, Rehaklinik/Hausarzt am Ende der Rekonvaleszenz, Hausarztbetreuung ein Jahr nach kardialem Ereignis) Ausmaß und Zeitpunkt von geschlechtsspezifischen Versorgungsunterschieden über den gesamten Rehabilitationsprozeß hinweg an 1000 PatientInnen nach einem akuten Herzinfarkt dokumentiert. Anhand einer dreimaligen schriftlichen Befragung der PatientInnen und ihrer behandelnden Ärzte können Aussagen über die Kausalität sowie über kurz- und mittelfristige Folgen ungleicher Versorgung getroffen werden. Erfaßt werden von den Patienten und Patientinnen:

  • Angaben zum Gesundheitszustand (subjektive Einschätzung des Gesundheitszustandes, subjektive Beeinträchtigung durch körperliche und psychische Symptome, Risikofaktoren)
  • Angaben zum Umgang mit der Krankheit (Krankheitskonzepte, Merkmale der Krankheitsverarbeitung, Selbstwirksamkeit, Motivation, Veränderungen im Gesundheitsverhalten, Prognose des Krankheitsverlaufs)
  • Angaben zur Versorgung (Beurteilung verschiedener Aspekte der Versorgung, Erwartungen an die Rehabilitation)
  • Angaben zur Berufstätigkeit und zum sozialen Umfeld (Rückkehr zur Arbeit, soziale Unterstützung)
  • soziodemographische Angaben.

Parallel werden von den behandelnden Ärzten erhoben:

  • Angaben zum Gesundheitszustand (klinische Befunde, Schwere der Erkrankung, Beeinträchtigungen, Risikofaktoren, Komorbidität, Prognose)
  • Angaben zu durchgeführten und geplanten diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen.

Die Stichprobenrekrutierung erfolgt über kooperierende Akutkrankenhäuser in Nordrhein-Westfalen. Selektionskriterien sind: gesicherte Diagnose Herzinfarkt, ein Höchstalter von 75 Jahren sowie Deutschsprachigkeit. Die Datenerhebung hat vor einigen Monaten begonnen und wird sich bis in den Sommer 2001 erstrecken.

Mit Hilfe dieses Designs sollen Entscheidungsprozesse der Patienten und Patientinnen auf der einen Seite und Selektions- und Zuweisungsmechanismen durch die beteiligten Ärzte auf der anderen Seite über den gesamten Prozeß der Rehabilitation erfaßt werden. Zusätzlich werden Aussagen über die kurz- und mittelfristigen Konsequenzen ungleicher rehabilitativer Versorgung ermöglicht. Die Ergebnisse des geplanten Forschungsvorhabens sollen Grundlage für angemessenere Selektionsprinzipien bei der Indikationsstellung zur Rehabilitation sowie für die Entwicklung flexiblerer und spezifischerer Rehabilitationskonzepte sein.

Ausgewählte Literatur:

Brezinka, V., & Kittel, F. (1996). Psychosocial factors of coronary heart disease in women: a review. Social Science & Medicine, 42, 1351-1365.

Carhart, R. L. Jr, & Ades, P. A. (1998). Gender differences in cardiac rehabilitation. Cardiology Clinics, 16, 37-43.

Evenson, K. R., Rosamond, W. D., & Luepker, R. V. (1998). Predictors of outpatient cardiac rehabilitation utilization: the Minnesota Heart Surgery Registry. Journal of Cardiopulmonary Rehabilitation, 18, 192-198.

Lieberman, L., Meana, M., & Stewart, D. (1998). Cardiac rehabilitation: gender differences in factors influencing participation. Journal of Women’s Health, 7, 717-723.

Scheuermann, W. & Ladwig, K. H. (1998). Geschlechtsspezifische Unterschiede in Risiken und Versorgung der koronaren Herzerkrankung. Zeitschrift für Kardiologie, 87, 528-536.